"Zauberflöten- Promenade"
"Winterreise I + II",
"Felsengesang zum Karsamstag",
"größte Freiluftbühne der Welt"
sind nicht nur hilfreich, wenn Sie sich entschlossen haben, eine Veranstaltung zu besuchen: Es ist auch sehr spannend, sich -vor allem bei abenteuerlichen (Witterungs-) Verhältnissen!- vor ab zu informieren: So ist man immer einen Schritt voraus und kann sich somit ganz auf die Darbietungen konzentrieren, ohne -mit dem Regenschirm mühsam in einem Heftchen blätternd- dem spannenden Geschehen hinterher zu stolpern.
Besonders bei "Winterreise I" hat es sich erwiesen, dass "uriges" Wetter (Kälte, Schneefall, leichter Regen) die Stimmung belebt, ja direkt aufwühlt. Zudem sind unter diesen Bedingungen kaum Passanten und Zaungäste unterwegs: Es kehrt Stille ein. (Eine der spannendsten Vorstellungen fand bei Hagelschlag statt.)
Zauberflöten- Promenade:
Parodie à la Nestroy
Wer sich über die Bedeutung der „Zauberflöte“ aktuell informieren will, sollte folgendes Buch lesen: Perl, Helmut Der Fall Zauberflöte- Mozart und die Illuminaten. Atlantis Verlag, Zürich 2006. Der Autor erklärt darin nicht nur den sehr starken Salzburg- Bezug der „Zauberflöte“, sondern vor allem, dass die Märchenhandlung, als welche die Zauberflöte meist gut verkauft wird, in Wahrheit nur Tarnung ist, S66,f: „Die ‚Drei Damen’ rufen drohend ‚Papageno’, gleichzeitig und dreimal nacheinander, unterbinden damit das Gespräch mit Tamino, das ja vielleicht gefährliche Dimensionen annehmen könnte, und verhängen, um sicher zu gehen, das Redeverbot: Schloss vor den Mund! [...] Für Papageno und Papagena haben Mozart und Schikaneder eine fabelhafte kabarettistische Einlage geschaffen und vor den Schlusshymnus gestellt, das „alberne“ Duett [...] ein Couplet im Stile Nestroys!“ Dass Mozart selbst Papageno keinesfalls als Sympathieträger sieht, begründet Perl mit dem Brief Mozarts vom 8.10.1791, in welchem er sich über einen Bundesbruder in der Theaterloge entrüstet (S12): „ unglückseligerweise war ich eben drinnen als der zweite Akt anfing, folglich bei der feierlichen Szene. Er belachte alles; anfangs hatte ich Geduld genug, ihn auf einige Reden aufmerksam machen zu wollen, allein er belachte alles; da ward’s mir nun zu viel. Ich hieß ihn „Papageno“, und ging fort. Ich glaube aber nicht, dass es der Dalk verstanden hat...“
Dieses Buch war dem „Felsensänger“ als Textautor der Parodie als er sie schrieb, noch unbekannt, ist es doch auch erst zum Mozartjahr 2006 erschienen. Nachträglich betrachtet sind die Parallelen zwischen dem Hintergrund der Zauberflöte, wie in diesem Buch geschildert, und den Abgründen der Parodie verblüffend. Die Feindbilder der Parodie haben sich seit 1791 freilich sehr stark gewandelt: Die Provokation ist heute, als „Freyluftcapellmeister“ unter widrigsten Bedingungen im öffentlichen Raum aufzutreten, um einen hochwertig-künstlerischen wie zeitkritischen Inhalt überhaupt noch aufzuführen: nämlich praktisch ohne Geld!... Es mag schon stimmen, dass man als Künstler heute im Vergleich zur Mozartzeit mehr sagen darf: dafür hört einem aber auch so gut wie niemand mehr zu: die Masse kann mit Kunst nichts mehr anfangen. Die Werbung -also die Wirtschaft- hat die Funktion der Kunst samt ideologischen Inhalten weitgehend übernommen. Das "Sponsoring", durch welches sich der Staat aus der Affäre ziehen will, ist eigentlich nur mehr der Abgesang der Kunst, weil die Wirtschaft dadurch ja bestimmt, welche Kunst öffentlich in Erscheinung tritt, und damit auch welche nicht.
Salzburger Naturfestspiele/
Sektion Barmstein
Winterreise I
Freiluftkonzert
mit Liedern aus der "Winterreise" Op. 89 (1827), von Franz Schubert nach Gedichten von Wilhelm Müller.
Werner Ruttinger, Tenor und Gesamtleitung
Christina Ruttinger, Begleitung.
* Historische Stimmung Kirnberger II aus 1771. *
Intermezzo: "Profilsohlenballett
zur Erwärmung der ehrenwerten Extremitäten des p.t. Publicums unter der Leitung der syntonischen Tanzmeisterin Christina Ruttinger" Musik: Schluss der "Invention in F" (1990) von Werner A. Ruttinger.
* Die Aphorismen stammen aus dem unveröffentlichten Gedichtzyklus "Herbstliche Jahreszeiten" von Werner A. Ruttinger.
Peter T. Lenhart schreibt anlässlich einer Kunstausstellung in München 2006: Denn der Textdichter, der Dessauer Schriftsteller Wilhelm Müller, war nun beileibe nicht nur ein romantischer Natur- und Liebesschwärmer. Sondern ein für damalige Zeiten ziemlich fortschrittlich gesinnter Kopf, der von Lord Byron beeinflusst mit dem Unabhängigkeitskampf der Griechen sympathisierte und den verlorenen Idealen der französischen Revolution hinterher trauerte; der unter dem repressiven und reaktionären System Metternich litt und dessen Schriften immer wieder von den nach den Karlsbader Gesetzen allmächtigen und allgegenwärtigen Zensurbehörden verändert und verboten wurden. Müller (der streng genommen eigentlich weniger ein zu später Romantiker als ein verfrühter Vertreter des Vormärz war) konnte also kaum offen bzw. öffentlich von dem sprechen, was ihn bewegte und war also gezwungen, das eigentlich gemeinte stets zu codieren und also auf mindestens zwei Bedeutungsebenen zu operieren. So darf man davon ausgehen, dass auch jene Gedichte "aus den nachgelassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten", die Schubert nach Müllers Tod vertont hat, doppelt zu lesen sind und dass in ihnen, unterhalb der Thematik von verlorener Liebe und Einsamkeit, von Winter und Naturerleben, auch eine politische Bedeutung mittransportiert wird - welche von Müllers gleichgesinnten Zeitgenossen decodiert werden konnte, während die Zensurbehörden idealiter an der poetischen Oberfläche hängen blieben.
Die für den gewöhnlichen Konzertkonsumenten zunächst befremdliche Präsentationsform der "Naturfestspiele" gründet in der expeditionsartigen Freiluftausrüstung, ohne welche die Darbietungen unter diesen Umständen unmöglich wären: ohne rote Bekleidung ist der Sänger bei Nebel und riesiger Entfernung nicht mehr zu sehen. Er braucht dazu bisweilen sogar eine Stirnlampe. Da sämtliche Darbietungen grundsätzlich ohne Mikrophonverstärkung stattfinden, entsteht je nach den natürlichen akustischen Gegebenheiten ein Dialog zwischen Musik und Landschaft, der vom zarten Piano bis zur riesigen Operngeste reicht. Dabei ist es oft unerlässlich, Lieder lauter zu singen als im Konzertsaal; und dieses Freiluftkonzert findet im Winter statt! Die ständige Tiefatmung eiskalter Luft birgt nicht nur eine enorme Erkältungsgefahr in sich, mit dem Risiko bleibender Schäden für die Singstimme: sie schränkt auch deren unmittelbare Leistungsfähigkeit enorm ein. Aus diesem Grunde entwickelte der "Felsensänger" Ruttinger für sich selbst die unverzichtbare "Atemluftheizung", deren dritter Prototyp (Version 3.3) erstmals 1997 offiziell eingesetzt wurde. Die -mittels Infusionsbesteck- befeuchtete Warmluft für jeden einzelnen Atemzug hat sich der Sänger -über ein Silikonschlauchsystem und eine Austrittsdüse unter dem Mund- selbst zuzuführen; und zwar über zwei Blasebälge, ähnlich dem Windwerk einer uralten Orgel. Als Wärmequelle dient hingegen ein Expeditionskocher mit Spezialgasmischung. Bei einer Frühmesse auf der Orgelempore, einem eisigen "Stille Nacht" oder einer frostigen Beerdigung können viele Berufskollegen angesichts des außerirdisch anmutenden Gerätes durchaus vor Neid erblassen: eine Erlösung im Kampf gegen zusätzliche Indisposition! Hier, teils am eisigen Klettersteig, teils in morastigem, weglosem Gelände wird das "Handling" jenes gasbetriebenen Geräts in der Größe eines Staubsaugers (7,5kg trotz Aluminium- Leichtbauweise!) zu einem durchaus mörderischen Unterfangen. Ob im Gehen oder bei einer erlesenen Gesangsdarbietung am direkten Abgrund: es empfiehlt sich, während der "Selbstbeatmung" die Temperatur nicht aus den Augen zu lassen: um nämlich das Explosionsrisiko zu minimieren! Als überraschende Schwierigkeit haben sich auch klimatische Umstellungen bei rascher Programmfolge erwiesen: Nicht nur die Bewältigung des Klettersteigs mit sicherheitshalber abgeschaltetem Gerät, auch eine beheizte Kapelle ("Winterreise II") kann dabei unerwartet zur stimmlichen Falle geraten. Die Mobilheizung -Mittelding aus Maschine, Musikinstrument und modernem Kunstwerk- trägt eine Inschrift; scheinbar rationale Bedienungsanleitung verbirgt sich -symptomatisch für alle Requisiten- dahinter das Mysterium:
Diese **Atemluftheizung** wurde aus Instrumenten der Notfallmedizin gefertigt, um dem Versagen der menschlichen Stimme in kalter Umgebung entgegenzuwirken. Als Energiequelle wirken Lauterkeit und Widerstandskraft. Missbrauch (auch letzterer!) und Leichtsinn können zur Explosion, Nichtgebrauch aber kann zum Verlust der Artikulationsfähigkeit führen!
+ANIMUS SPIRAT SENTENTIAM IGNORANS+ Salzburg, 1997.
Das lateinische "Credo" Ruttingers: "Der Geist geht nicht nach dem Erfolg". Es umfasst auch die alternative Finanzgebarung, das selbstmörderischeste Unterfangen der von ihm gegründeten Naturfestspiele, die sich hinwiederum wie folgt erklären: "Die Natur ist das Fest, das Spiel ist uns ernst; Natur ist kein Spielzeug: so fest ist sie nicht." Die mitgeführten "Requisiten" begründen sich meist von selbst: Außer einem Auffanggurt zur Personensicherung am Klettersteig, Karabinern, Sturmzündern usw. führt der Sänger in seiner Berufsausrüstung u.a. mit sich:
"Sprachrohr, Vorrichtung zur Verstärkung des Schalls gesprochener Worte, besteht in einer Röhre, in welcher die Schallstrahlen aufgenommen und zusammengehalten werden, so dass sie sich nicht sofort vom Munde weg nach allen Seiten zerstreuen können."
(Meyers Konversations-Lexikon, 1867)
Noch zu Franz Schuberts Zeiten gab es eine andere Klavierstimmung als heute. Die Unterschiede zwischen beiden kann selbst der Laie erkennen:
"Jeder Ton ist entweder gefärbt oder nicht gefärbt. Unschuld und Einfalt drückt man mit ungefärbten Tönen aus. Sanfte, melancholische Gefühle mit B-Tönen; wilde und starke Leidenschaften mit Kreuztönen." (C.F.D. Schubart in "Ästhetik der Tonkunst", 1806).
Die Wahl einer Grundtonart bestimmt so von vorneherein die "Stimmung" eines Gedichtes, welches der Komponist in Musik setzt, und jede -auch nur vorüber gehende!- Ausweichung in eine andere Tonart wirkt sich somit ganz erheblich aus; es ist, als würde jeder Dreiklang eine eigene Farbe besitzen, während die heutige, gleichschwebende Stimmung dieselben Akkorde wie in einem Schwarzweißfilm wiedergibt. Auf einem heute üblichen Konzertflügel muss der Begleiter durch gekünstelte Anschlagsnuancen versuchen, den Hintergrund der Musik auszudeuten. Dies bedeutet fast ausschließlich Änderungen in der Lautstärke, welche die Singstimme behindern. Zudem sind die heutigen Instrumente gegenüber dem historischen Hammerflügel viel zu laut! Die gegenwärtige Aufführungspraxis ist damit wesentlich sinnwidriger als die zunächst unpassend rationalisiert, "unromantisch" erscheinende Interpretation des Klaviersatzes bei solchen Freiluftkonzerten: Auf große Distanzen muss man laut singen und extrem artikulieren. Danach hat sich die Begleitung zu richten. Die Farbigkeit der historischen Stimmung kommt dem harmonischen Ausdruck jedoch ganz besonders entgegen: Ein Dur- oder Moll- Akkord der Begleitung kann nämlich mild oder scharf klingen,- und zwar unabhängig von der Lautstärke! Der Klang aus dem Lautsprecher hingegen ist nicht nur durch die Qualität der Abspielanlage bedingt: das Teuerste daran ist der Klang der Aufnahme selbst, nämlich die elektronische Klangerzeugung. Diese ist fast ausschließlich eine finanzielle Angelegenheit, und für Prestigeobjekte haben "Naturfestspiele" -naturgemäß- kein Geld. Aufgrund der akustischen Bedingungen eines solchen Freiluftkonzertes (außer der Entfernung spielen auch Wind, Nebengeräusche und dämpfender Schnee eine große Rolle) sind manche Transpositionen unumgänglich ("Lindenbaum"). Auch bei diesen wird aber die Tonartencharakteristik genau eingehalten, sodass sich nur die absolute Tonhöhe ändert, nicht aber der Charakter der einzelnen Modulationen. Dies ist nur ein Grund unter vielen für die Einspielung vermittels eines elektronisch gesampelten Klaviers: da es sich während der Aufführungen um einen unveränderbaren Tonträger handelt, hat sich der Sänger genauestens an die vorproduzierten Nuancen der Einspielung zu halten. Dies erschwert das Singen gegenüber der Begleitung mit einem Pianisten aus Fleisch und Blut ganz erheblich, und zieht oft äußerst komplizierte Metronomschläge nach sich; andererseits ist dadurch möglich, die musikalischen Daten vor dem Konzert an geänderte Verhältnisse anzupassen.
Die dislozierte Beschallungsanlage setzt die Klavierbegleitung äußerst umweltfreundlich in die Landschaft: das virtuelle Klavier am Zuhörerstandpunkt ist nämlich noch leiser, als die entfernte Singstimme. Um beide zu koordinieren, wird -wie z.B. beim "Lindenbaum"- dem Sänger sein Korrepetitionssignal per Betriebsfunk zugespielt. Was für ihn aus dem Kopfhörer klingt, ist genau um jene Zeitspanne vorversetzt, die der Schall bis zum Zuhörerstandpunkt benötigt. Ohne diese "Zeitkorrektur" wäre die Aufführung vom Klettersteig unmöglich. Bei dem Lied "die Krähe", -im Laufe dessen sich der Sänger auf den Lautsprecher beim Publikum zu bewegt-, sind innerhalb 50m sogar drei verschiedene Zeitkorrekturen nötig, wegen der Komplexität des Klaviersatzes: Dieser weist nämlich als Hauptelement eine synkopierte Imitation der Singstimme auf. Letztere wird gleichsam vom Klavier umflattert, so wie die Krähe als Todesbote den Sänger umkreist. Die Aufführung des zweiten Teils der "Winterreise" am Salzburger Mönchsberg ist ohne Zeitkorrektur möglich: der Sänger trägt eine wesentlich lautere Abspielanlage auf einer Kraxe mit sich: auf dem Gelände um die winterlichen Barmsteine wäre dies endgültig unmöglich. Die Vorliebe des Sängers und seiner "Begleiterin" (man beachte die neue, äußerst romantische Bedeutung außerhalb des Konzertsaals!) für die verwendete Stimmung Kirnberger II aus 1771 findet eine Parallele in seiner kompositorischen Tätigkeit: So entwickelte er 1989 ein eigenes Tonsystem, welches sich nur auf reinen Terzen und Quinten aufbaut, und das auf jedem stimmbaren Tasteninstrument spielbar ist. Da die zwölf Töne ungleich von einander entfernt sind, ist es möglich, ein Thema in zwölf Varianten darzustellen, wobei sich von einer Tonstufe zur anderen die Melodie des gewählten Themas selbst verändert. Es ist, als betrachtete man einen Gegenstand aus zwölf verschiedenen Richtungen: Obwohl dieser selbst sich nicht verändert, erhält er mit jedem Blickwinkel ein anderes Aussehen. Ebenso, wie das Abendland bisher mit seinem eigenen Tonsystem verfahren ist, so ist es auch mit seinen übrigen geistigen wie ökologischen Bereichen verfahren:
So, wie die natürlichen Obertöne denaturiert und manipuliert wurden, so verhält es sich auch mit unserem Lebensraum: ein bisschen Gift, ein bisschen Radioaktivität und ein bisschen Unrecht für Jedermann: Wahrheit und Lüge werden ebenso "gleichschwebend" verteilt, wie Terzen und Quinten. Solange, bis sie frei untereinander kombinierbar sind. Die Syntonik aber kennt diese "Grenzwertphilosophie" nicht.
In der Auseinandersetzung mit dem freien Schallfeld sind zusätzlich eigenständige Musikformen entstanden, die -je nach Finanzlage- Bestandteil von Sommerveranstaltungen der Naturfestspiele sind: "Funkkanon", "Seilbahnmusik" usw.
Die künstlerische Vision der Naturfestspiele findet auch ihre weltanschauliche Entsprechung: die Vorstellung, dass der einsame "Wanderer" selbst in der Ausweglosigkeit seinen Bestimmungsort findet. Darin liegt eine Katharsis.
Programmfolge "Winterreise I"
In
der Kälte ist nicht Gelegenheit, viele Worte zu machen. Bei Expeditionen oder
Katastrophen herrschen nur mehr die Anweisungen: "Sturmzünder für die
Atemluftheizung! Batterien für die Stirnlampe! Die Elektronikheizung ist
ausgefallen!" Die Tonkunst ist zum Katastrophenfall verkommen; nach der
zeitgenössischen nun auch die klassische Musik.
Die
Werbung hat die Funktion der Kunst übernommen. Unsere Religion heißt Konsum.
Der Mensch ist der Seele beraubt, sein Abbild vom Ebenbild Gottes zum Genschwein
geworden. Die Sprache der "ernsten Musik" ist bald vergessen, wie das
Altgriechische.
Die
Veranstaltung ist im Wesentlichen selbsterklärend. Sie fügt sich allerdings
erst zum Schluss wie ein Mosaik logisch zusammen. Das Absurde ist oft nur eine
Frage des Blickwinkels. In diesem Sinn hat jeder von Ihnen die Möglichkeit,
jede einzelne Station unseres Begängnisses mit der Fahrradglocke einzuläuten.
Wie
in der letzten Strophe eines Wienerliedes tritt am Ende der
"Winterreise" der Tod auf. Das bedeutet heute: den Tod der Kunst;- die
eisige, völlige Isolation des sogenannten zivilisierten Menschen. Am Ende
unserer Wanderung -nach knappen zwei Stunden- werden Sie sich durch die
Katharsis -wie das altgriechische Theater die Reinigung der Seele beschreibt-
durch eine kleine Katharsis wieder ein wenig mehr für die Absurditäten des
Alltags gerüstet fühlen.
"... jedes Grab ist ein Grenzstein;-
wer Liebe sät, erntet nicht mehr,
als ein endloses Warten."
* * *
2. Station: Die Wetterfahne.
(Nr. 2, a-moll)
"Von Bruderschaft spricht nur,
wer betrunken ist- und als Gast
ist nur willkommen, wer
sein Leben lang Fremder bleibt."
* * *
3. Station: Täuschung
(Nr. 19, A-Dur)
Mut
(Nr. 22, g-moll)
"Wir denken, wir säen uns alleine-
und können uns dennoch
nicht ernten."
* * *
4. Station: Intermezzo.
-während sich der Sänger bisweilen durch den Schnee am Klettersteig kämpft, wird das syntonische "Profilsohlenballett zur Erwärmung der ehrenwerten Extremitäten des p.t. Publicums unter der Leitung der syntonischen Tanzmeisterin als Freiluftertüchtigung" angeboten. (Musik: Schluss der "Invention in F" (1990) von Werner Ruttinger; Christina Ruttinger am skordierten Flügel im Arbeitszimmer des Komponisten.)
* * *
5. Station, ebendort, 85m entfernt:
Die Nebensonnen
(Nr. 23, A-Dur)
Der Lindenbaum
(Nr. 5, E- Dur)
"Jetzt finden nur noch die Traum-
wandler den Weg. Sie allein wissen:
Wo die Schmerzen enden,
beginnt gleich der Abgrund."
* * *
6. Station:
"Bautrupp"- Intermezzo
"Das Absurde ist oft nur eine Frage des Blickwinkels"
Dieses Interludium entspricht dem kathartischen Charakter unserer Prozession. Will heißen: Am Ende können Sie sich sagen: "Ich bin meiner vereisenden Umwelt wieder gewachsen." Die Anweisungen zur Ausführung könnten ohne Weiteres von einem Zeitgenossen Franz Schuberts stammen, etwa von Johann Nestroy...
7. Station: Irrlicht
(Nr. 9, h-moll)
"Der Mensch ist die Knospe
der Windrose mit all ihren Dornen."
* * *
8. Station: Die Krähe
(Nr. 15, c-moll)
"Einst fällt auch die weiße Taube,
gegrillt, vom Firmament auf uns nieder."
* * *
9. Station: Letzte Hoffnung
(Nr. 16, Es-Dur)
"Wir wurden nicht vertrieben
aus dem Paradies: Nur die Hände
wurden verstümmelt, damit wir
die Früchte nicht mehr
erreichen können."
* * *
10. Station: Der Wegweiser
(Nr. 20, g-moll/G-Dur)
"Schnee wird auf Gräber
gegeben: jetzt, -viele Gräber
an Haltestellen, doch hat die Kälte
noch nicht begonnen, zu wirken."
* * *
* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *
Salzburger Naturfestspiele
"Winterreise II"
Freiluftkonzert
mit Liedern aus der "Winterreise"
Op. 89 (1827) von
Franz Schubert
nach Gedichten von Wilhelm Müller.
Zugabe:
Werner Ruttinger
"Gastlokal";
syntonisches Lied nach eigenem Text, 1996
Werner Ruttinger, Tenor und Gesamtleitung
Christina Ruttinger, Begleitung
* * *
FBezüglich Interpretation
wird auf das Programmheft
I.Teil verwiesen
Historische Stimmung Kirnberger
II aus 1771.
"Eine
schwere Thräne entfiel meinen Augen"
(Franz
Schubert in Salzburg, 1825)
"Ich
wollte in die entgegengesetzte Richtung."
(Thomas
Bernhard "Der Keller", 1979)
"Die
Salzburger -wie andere auch- haben die Seele der Stadt restlos zu Geld gemacht.
Ein solches Geschäft mit dem Teufel schaffte von jeher nur vorübergehend
Erleichterung. "
(Werner
Ruttinger, 1997)
"Ich kann zu meiner
Reisen nicht wählen mit der Zeit,
muß selbst den Weg mir weisen
in dieser Dunkelheit."
(Wilhelm Müller
"Winterreise", 1821)
1. Station: Gute
Nacht (Nr.1, d-moll)
Den zweiten Teil von Schuberts "Winterreise"
beginnen wir mit dem ersten Lied und enden mit dem letzten des bedeutendsten österreichischen
Liederzyklus. Auf dem Weg begleiten uns Texte in der Form von Ansichtskarten. Am
Schluss tritt der Tod auf: singend, wie in der letzten Strophe eines
Wienerliedes. Das bedeutet für uns heute: den Tod der Kunst, die eisige, völlige
Isolation des sogenannten zivilisierten Menschen.
Die erste
Freiluftaufführung der "Winterreise II" 1997 begann an der fahrenden
Rolltreppe, die der Sänger gleichsam zu seinem Publikum herunterschwebte; aber
- absurder weise- gegen die Fahrtrichtung angehend. Das Gesangstempo war genau
dem Rhythmus der sich bewegenden Treppen angepasst, die der Sänger dabei mühsam
zu überwinden hatte, da sich die Rolltreppe aufwärts bewegte, er aber abwärts
wollte.
Dem
Publikum stand bei diesem Regiekonzept auch das Sattler- Panorama der Stadt vor
Augen: Salzburg 1825. Im selben Jahr hat nämlich Franz Schubert die Stadt
bereist. An seinen Bruder Ferdinand schreibt der "Compositeur" am 12.
September 1825:
"Dir die Lieblichkeit dieses Thals zu beschreiben,
ist beinahe unmöglich. Denke Dir einen Garten, der mehre Meilen im Umfange hat,
in diesem unzählige Schlösser und Güter, die aus den Bäumen heraus oder
durchschauen, denke Dir einen Fluß, der sich auf die mannigfaltigste Weise
durchschlängelt, denke Dir Wiesen und Äcker, wie eben so viele Teppiche von
den schönsten Farben, dann die herrlichen Straßen, die sich wie Bänder um sie
herumschlingen, und endlich stundenlange Alleen von ungeheueren Bäumen, dieses
Alles von einer unabsehbaren Reihe von den höchsten Bergen umschlossen, als wären
sie die Wächter dieses himmlischen Thals, denke Dir dieses, so hast Du einen
schwachen Begriff von seiner unaussprechlichen Schönheit."
Der Auftritt des Sängers in seiner geliebten Geburtsstadt bekommt mit der Atemluftheizung unfreiwillig auch den Charakter einer Katastrophenschutzübung. Und tatsächlich ist die Kultur ja auch zum Katastrophenfall verkommen: nach der zeitgenössischen, nun auch die klassische Musik: Wahrscheinlich sind wir die letzte Generation, welche die Sprache von Tonhöhen -wenn auch nur ansatzweise- noch verstehen kann. Künftighin ersetzen Sound-Design und Videoclips die akademischen Gesetze der Musiktheorie. Menschliche Rührung? Reinigung der Seele vermittels der Tonkunst?- lächerlich. Was man jetzt noch "ernste Musik" nennt, wird bald eine vergessene Sprache sein: wie das Altgriechische. Die Werbung hat die gesellschaftliche Funktion der Kunst lange übernommen; Wirtschaft und Politik berauben den Menschen nach und nach seiner Seele: als Konsument ist sein Abbild vom "Ebenbild Gottes" inzwischen zum Genschwein geworden.
Von der ursprünglichen
Konzeption ist das Motto geblieben. Es ist der Anfang von Thomas Bernhards
"der Keller". Auch er war Salzburger. Es lautet: "Ich wollte in
die entgegengesetzte
Richtung." Dem steht der Beginn der zweiten Strophe des ersten Liedes gegenüber:
"Ich kann zu meiner Reisen/ Nicht wählen mit der Zeit/ Muss selbst den Weg
mir weisen/ In dieser Dunkelheit."
* * *
2. Station: "Rückblick"
(Nr.8, g-moll)
"Die sogenannte Hohe Kunst wird
[...] von dieser Stadt und ihren Einwohnern für nichts anderes als ihre
gemeinen Geschäftszwecke missbraucht, die Festspiele werden aufgezogen, um den Morast dieser Stadt für
Monate zuzudecken."
(Thomas
Bernhard: "Die Ursache", 1977)
* * *
3. Station: "Im
Dorfe" (Nr.17, D-Dur)
Nachruf auf den
"Professor"
"Es wird sich
wohl nie mehr klären lassen, wer der 58 jährige Friedrich Eduard Wawrik, den
alle nur 'Professor' nannten, wirklich war", schreiben die Salzburger
Nachrichten. "Mit seiner Fellmütze, dem dicken Mantel und der großen
Geste eines Redners schritt er durch die Gassen, sprach zu einem imaginären
Publikum und war eine weithin bekannte Erscheinung." "Offiziell galt
er als 'Obdachloser'- er selbst nannte sich 'ausgebildeter Musikwissenschaftler,
Opernsänger, Schlagersänger, Liedersänger'. Die Bank auf dem Mönchsberg war
sein 'Zuhause'. Hier wurde er an seinem Geburtstag, dem 24. Mai 1996 in der
Nacht ermordet. Der Staatsanwalt sprach von einer der "brutalsten,
aufsehenerregendsten und irritierendsten Straftaten in der Salzburger
Kriminalgeschichte." Für eine Beute von € 145.- sei der Obdachlose
"regelrecht massakriert" worden: Während ein Jugendlicher den auf
seiner Bank ruhenden "Professor" in einem Würgegriff festhielt,
schlug ihm der Erwachsene mit einem fernöstlichen Nunchako den Schädel ein.
Zwei Mädchen standen dabei Schmiere. Laut Polizeibericht wirkte der Mann wie
aufgebahrt, versehen mit abgebrochenen Zweigen in der Form eines Kreuzes.
* * *
4. Station: Der stürmische
Morgen (Nr.18, d-moll)
* * *
5. Station: "Erstarrung"
(Nr.4, c-moll)
* * *
In der Pallottinerkapelle
6. Station: "Wasserflut"
(Nr.6, e-moll), "gefrorne Tränen"
(Nr.3, f-moll), "Einsamkeit"
(Nr.12, h-moll), "Der greise
Kopf" (Nr.14, c-moll), "Rast"
(Nr.10, c-moll), "Frühlingstraum"
(Nr.11, A-Dur).
Über die Träume des Felsensängers
Beim Konzert hatte der Felsensänger versagt und lag mit schwerer Grippe zu Bett. Da erschien ihm in einem Fiebertraum Franz Schubert, der Liederfürst: Ein Fläschchen hatte er in der Rechten. Freundschaftlich sprach er, der Erhabene, zu ihm, dem Armseligen, herab: "A Stimm' hast': von Gold keine Rede... Aber: dich hab ich auserwählt, weilst ein Hirn hast. Und das is' ungewöhnlich für einen Tenor. Auf, auf! Es ist nun Zeit für eine Winterreise in Gottes freier Natur, denn die Kunst, das Schöne vereist. Es kommt eine künstlerische Eiszeit. Gnadenlos sind die Menschen geworden. Sie wollen nur mehr lauwarme Stimmen hören, den Geist meiner Lieder treten sie mit Füßen. Mit diesem Flascherl aber kommt mein Geist auf dich und dein Publikum. Es sind meine heißen Tränen der Winterreise. Sie werden dich wärmen. Nimm sie hin, als große Gnade, doch bestehe die Feuerprobe!" Der Tenor, schweißgebadet, wollte zuwider reden, aber es kam nur ein trockenes Hüsteln aus seiner Kehle. "Halt den Mund, Burschi", sagte der Unsterbliche noch im Verschwinden, "a Sänger darf net reden, wenn er verkühlt is'..."
Der Tenor trat seinen Leidensweg an. Vom einsamen Felsen ließ er die erwählte Stimme erschallen: "Was vermeid' ich denn die Wege, wo die andern Wand'rer geh'n..." Dann jedoch: ein weiterer Hustenanfall. Da wusste er: Zeit für eine Atemluftheizung, und zwar mit Feuerkraft! Die erste Konstruktion bestand aus zusammengelöteten Konservenbüchsen: Eine riesige Rußwolke war das Ergebnis. Die Kollegen höhnten, er wolle sich nun endgültig die Stimme ruinieren, aber es sei wohl nicht schade darum. Beim nächsten Versuch im Hinterhof -es war eine eiskalte Winternacht- erschien ein Mann vom Roten Kreuz. Er bat ihn, von einem Selbstmordversuch mittels Vergasung abzulassen. Da gedachte der Sänger wieder der heißen Tränen des Meisters: "Eine Befeuchtung der Atemluft! Und dafür nehm' ich das heilige Wasser!" Dazu bedurfte es noch weiterer Feuerkraft und er wäre beinahe in die Luft geflogen. Wahrscheinlich rettete ihn nur die mitgeführte Christophorusmedaille. Doch war dies nicht die verlangte Feuerprobe gewesen? Nach allem Hohn und Spott hatte er sie bestanden. Die Tränen des Meisters aber sind seither ein Bronnen der Weisheit und Wahrheit: klarer Quell in der Eiszeit des Schönen: er verdampft und ist zum Atmen bereit.
Wochenende
Bis drei Uhr nachmittags -so berichtet Thomas Bernhard über
die Salzburger Scherzhauserfeldsiedlung- bis drei Uhr nachmittags herrschte die
Feiertagsstille. Dann liefen manche aus ihrer Behausung: schreiend und mit zerstörtem
Gesicht. Der Mensch -so folgert der Dichter- weiß mit der Freiheit nichts
anzufangen: "Das Unglück erfasst alle, wo die Arbeit und die Beschäftigung
eingeschränkt werden." Der Dichter beruft sich auf den Dienstplan von Notärzten,
welche am Samstag wie zu keinem anderen Zeitpunkt beansprucht würden. Aus
seiner Tätigkeit als Gerichtsberichterstatter führt er an, dass "achtzig
Prozent der Ermordeten am Samstag" umgebracht würden. Dann finde der Bürger
auch die Zeit, um seine Kinder zu reizen und "zum berühmten Totschlagen
der Zeit" auch zu verprügeln. (Der erwähnte Mord am Mönchsberg wurde übrigens
in einer Freitag Nacht verübt, der Tod trat dann aber am Samstag ein.) Die
Worte des zu Lebzeiten heftig umstrittenen Dichters eignen sich heute, nach
seinem Tod im Jahr 1989, bereits für die Sonntagspredigt: "Die Samstage
sind die eigentlichen Menschentöter auf der Welt, und die Sonntage machen diese
Tatsache auf die unerträglichste Weise bewusst, und die Montage schieben die
Unzufriedenheit und das Unglück wieder um die ganze Woche bis zum nächsten
Samstag [...] hinaus."
Am Staatsbrückenkopf
Am Staatsbrückenkopf rief eines Sommers jemand den Namen
des Dichters, so erzählt Thomas Bernhard: Da stand ein Mann um die fünfzig, an
seinen Presslufthammer gelehnt. Der Schweiß lief ihm von der Glatze, und sein
Bauch hing über die blaue Schlosserhose. So stand er da, am Rathausbogen neben
dem Juweliergeschäft: ein zahnloser Säufer, ganz offensichtlich.
Die Rumflasche habe ihm der Dichter in dessen Jugend aufgefüllt, die
Rumflasche seiner Mutter: im Kellerladen in der Scherzhauserfeldsiedlung. Ob er,
der Dichter, sich noch an ihn erinnere: Sommer und Winter sei er barfuß
gegangen,- Sommer und Winter, das ganze Jahr. Seine Mutter habe ein gutes Herz
gehabt: eine religiöse Frau, "gottesfürchtig, aber nicht
katholisch". So gut war ihr Herz, dass sie -mit ihrem Krebs ans Bett
gefesselt- buchstäblich noch als Skelett ein ganzes Jahr lang gelebt habe;- und
zwar ausschließlich von Rum, und in den Rum getunkten Semmeln. Unter seinem
Leben habe er sich etwas anderes vorgestellt. Er, der vom Dichter liebenswürdig
beschriebene Säufer, bat ihn um eine Zigarette. Der Dichter jedoch war
zeitlebens lungenleidend.
"Servus", und "es ist alles egal", sagte der
Mann mit
dem Presslufthammer zum Abschied, und der Dichter schloss die Erzählung mit den
Worten: "Es ist das Wesen der Natur, dass alles egal ist." Es sei
gleichgültig, ob einer "mit seinem Presslufthammer oder an seiner
Schreibmaschine verzweifelt." "Servus"- übrigens ein Slogan der
österreichischen Fremdenverkehrswerbung- "Servus- und: es ist alles
egal."
7.
Station Nach der Kapelle
Zugabe: Werner A. Ruttinger "Gastlokal", 1996
An versiegelten Tischen schmeckt man im Wein nur mehr
selten das Blut:
Von Bruderschaft spricht nur, wer betrunken ist -
und als Gast ist nur willkommen, wer sein Leben lang Fremder bleibt.
Man hat auch aufgehört, um die Zukunft zu würfeln,
weil nur die Vergangenheit mehr als Einsatz zählt.
So, während sich sachte die Decke senkt,
verdichtet sich stetig der Rauch, weil die Zeit verbrennt -
und manchmal
riecht es nach brennenden Kreuzen.
"Das
Wirtshaus ist kein Gotteshaus, doch ging schon mancher selig raus":
An versiegelten Tischen schmeckt man im Wein nur mehr
selten das Blut:
Als
Gast ist nur willkommen, wer sein Leben lang Fremder bleibt.
* * *
8. Station: "Die
Post" (Nr.13, Es-Dur)
* * *
9. Station: "Auf
dem Flusse" (Nr.7, e-moll)
Wir
kommen nochmals auf den Brief Schuberts vom 12. September 1825 und sein in der
Kapelle erwähntes „Ave Maria“ zurück:
„Thürme und Paläste zeigen sich nach und nach; man fährt endlich an dem Kapuzinerberge vorbei, dessen ungeheure Felswand hart an der Straße senkrecht in die Höhe ragt und fürchterlich auf den Wanderer herabblickt.
[...] ...vorbei geht es über die Brücke der Salzach, die trüb und dunkel mächtig vorüberbraust. (Die Stadt selbst machte einen etwas düstern Eindruck auf mich, indem ein trübes Wetter die alten Gebäude noch mehr verfinsterte,) und überdies die Festung, die auf dem höchsten Gipfel des Mönch[s]berges liegt, in alle Gassen der Stadt ihren Geistergruß herabwinkt.
[...] Vogl sang einige Lieder von mir, [...] die denn auch unter besonderer Begünstigung des [...] Ave Maria’s allen sehr zu Gemüthe gingen. Die Art und Weise. wie Vogl singt und ich accompagnire, wie wir in einem solchen Augenblicke Eins zu sein scheinen, ist diesen Leuten etwas ganz Neues, Unerhörtes.“
(Aus: Deutsch, Otto Erich: „Franz Schubert- Die Dokumente seines Lebens“, S 313 ff; Bärenreiter Verlag, Kassel, 1964 ISBN 3-7618-0214-5)
* * *
10. Station: "Der
Leiermann" (Nr.24, a-moll)
...dazu
ein Nachwort des „Felsensängers“:
Im Traume erschien dem Felsensänger der Leiermann. Er spielte gerade Schuberts "Ave Maria". Es klang ziemlich schräg, ab und zu blieben Töne hängen. Er war eine imposante Erscheinung mit einem löchrigen Zylinderhut. Ein bisserl sah er aus wie der Qualtinger. Als er mit dem Kurbeln fertig war, näherte sich der Felsensänger und warf einen Euro in den Hut. Der Leiermann lächelte aus seinem verwahrlosten Gebiss. Seine Ergebenheit erinnerte etwas an den Herrn Karl. Dann packte er ein Schmalzbrot aus. Der Felsensänger fasste sich ein Herz und sang mit aller verhaltenen Inbrunst: "Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann..." Der Adressat hörte umständlich kauend zu. Dann hustete er kräftig und wischte sich den Rotz der bläulichen Nase in die Rückseite der löchrigen Strickhandschuhe. Der Sänger endete mit "...willst zu meinen Liedern deine Leier dreh'n..." woraufhin der Leiermann routiniert eine Schnapsflasche unter dem weiten Mantel hervorzog. Dann kiefelte er sabbernd den Korken auf und hielt dem ob des eigenen Gesanges Ergriffenen die schmierige Flasche entgegen;- freilich nur kurz, denn schon goss er sich einen erstaunlichen Gutteil des klaren Inhalts zwischen die Zahnlucken. Nach kurzem Aufstoßen nuschelte er mit rauer Stimme: "Vielen Dank, Burschi, aber weißt: Ich muss ja von was leben..." Mit einem lauten Plopp schlug er den Korken wieder auf die Flasche und der Felsensänger erwachte aus seinem Traum.
Peter T. Lenhart schreibt anlässlich einer Kunstausstellung in München 2006: Der Textdichter, der Dessauer Schriftsteller Wilhelm Müller, war nun beileibe nicht nur ein romantischer Natur- und Liebesschwärmer. Sondern ein für damalige Zeiten ziemlich fortschrittlich gesinnter Kopf, der von Lord Byron beeinflusst mit dem Unabhängigkeitskampf der Griechen sympathisierte und den verlorenen Idealen der französischen Revolution hinterher trauerte; der unter dem repressiven und reaktionären System Metternich litt und dessen Schriften immer wieder von den nach den Karlsbader Gesetzen allmächtigen und allgegenwärtigen Zensurbehörden verändert und verboten wurden. Müller (der streng genommen eigentlich weniger ein zu später Romantiker als ein verfrühter Vertreter des Vormärz war) konnte also kaum offen bzw. öffentlich von dem sprechen, was ihn bewegte und war also gezwungen, das eigentlich gemeinte stets zu codieren und also auf mindestens zwei Bedeutungsebenen zu operieren. So darf man davon ausgehen, dass auch jene Gedichte "aus den nachgelassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten", die Schubert nach Müllers Tod vertont hat, doppelt zu lesen sind und dass in ihnen, unterhalb der Thematik von verlorener Liebe und Einsamkeit, von Winter und Naturerleben, auch eine politische Bedeutung mittransportiert wird - welche von Müllers gleichgesinnten Zeitgenossen decodiert werden konnte, während die Zensurbehörden idealiter an der poetischen Oberfläche hängen blieben.
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"Wie ein Hammer,
der Felsen zerschmettert"-
Felsengesang in der Osternacht
"Die sieben Plagen"
Exposé
und Textvorlage über ein Oratorium von Werner Ruttinger in der Salzburger Altstadt (Uraufführung im Rahmen der Veranstaltung
„Felsengesang zum Karsamstag“ in Zusammenarbeit mit dem Konvent St. Peter).
Zuhörerstandort 2205: Artilleristendenkmal im Friedhof St. Peter: bester
Blick und beste Akustik bei maximaler Entfernung vom Sänger (90m). Aufführungsdauer
ca. 25 Minuten
Presse-
Kurztext: Selbst die Glocken schweigen. Über der hohen Felswand des Friedhofs
steht der „Felsensänger“ Ruttinger und kündet vom jüngsten Gericht.
Pressetext:
Die
akustische Verkaufstapete über der Salzburger Altstadt ist
abgeschaltet. Selbst die Glocken schweigen. Über der 70m hohen Felswand
des Friedhofs St. Peter –der Festungsmauer („Katze“), von der sonst nur
ein „Jedermann“- Rufer oder am heiligen Abend Posaunen erschallen- steht
einsam der Salzburger Felsensänger Ruttinger und kündet vom jüngsten Gericht.
Auch
Winterskälte hindert ihn nicht, aufgrund der von den Benediktinern gesegneten
Atemluftheizung. Er braucht keine Verstärkung, nicht die Orgel im
Kirchenschiff: Die Tonsprache in reiner Stimmung wäre darauf gar nicht
darstellbar...
+ + + + + + +
Die
folgende sinngemäße Textbearbeitung ist wegen der Entfernung des Sängers
unerlässlich. Textvarianten, welche sich in keiner der vorliegenden Übersetzungen
wörtlich finden, sind kursiv gesetzt. Einfache Wortwiederholungen sind
nicht eigens gekennzeichnet. Verwendete Übersetzungen: Herder, Einheitsübersetzung
(Freiburg 1965) (Vers 1-4 daraus wurde bereits im Mai 1996 vertont); „Elberfelder“,
„Hoffnung für alle“. Für zwei refrainartige Wiederholungen wurden aus der
Luther Bibel (1545) übernommen: „Und der erste ging hin, und goss seine
Schale aus...“ „und taten nicht Buße für ihre Werke“, sowie „Und er
hat sie versammelt an einen Ort, der da heißt [auf hebräisch] Harmageddon.“
Musikalische Struktur: 3 Stimmfächer, 3 Tonsysteme: A: Charaktertenor (Testo): Für die breite Öffentlichkeit
ist nur diese Stimme, ohne jegliche Instrumentalbegleitung hörbar: weit
entfernt, jedoch unverstärkt: Wie der Salzburger Jedermann- Rufer am selben
Standort der Festungsanlage „Katze“: quasi Secco- Rezitativ. Erstes
Tonsystem: reine Terzen und Quinten. B: Altus (arios, wie ein Erzengel)
Die drei unterstrichenen Textstellen sind im Rhythmus identisch
und erhalten in der virtuellen Orchesterbegleitung (Komplettaufzeichnung*) eine
leitmotivische, strophische Entsprechung. Zweites System: reine Septakkorde. C:
(Volks-) Sänger (Komplettaufzeichnung*) Quasi Scherzo: steht mittels
zweimaliger Wiederholung den drei Teilen des Altus als klassische Parodie im gewöhnlichen
Tonsystem gegenüber+ Als Rahmen dient Jeremias 23:29 und Jesaja 10, 1-3 (wenn möglich
als Rezitation im Wechsel mit einem Zelebranten). Einziges real- akustisches
Instrument ist eine übliche Holzratsche.
Die
sieben Plagen
Textfassung (3/2004): Bearbeitung
verschiedener Übersetzungen aus der Apokalypse des Johannes,
Offenbarung 16
[Ratsche]
(Jeremias
23:29:)
Zelebrant: „Ist mein
Wort nicht brennend wie Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen
zerschmettert?“
Charaktertenor: 1 Und ich hörte eine mächtige Stimme aus dem Tempel den sieben Engeln sagen: "Geht hin und gießt die Schalen aus, die Schalen des Zornes Gottes auf diese Erde!"
2 Und der erste ging hin, und goss seine Schale aus auf das Land. Da
entstand ein böses und schmerzhaftes Geschwür an den Menschen, die das
Malzeichen des Tieres hatten, und sein Bild, sein Bild anbeteten.
3 Und der zweite ging hin, und goss seine Schale aus auf das Meer.
Und da wurde, wurde es zu Blut, wie von einem Toten, und alle Lebewesen, alle
Lebewesen im Meere starben.
4 Und der dritte ging hin, und goss seine Schale aus über die Flüsse
und Wasserquellen; da wurde Blut daraus.
Altus: 5 Und ich hörte
den Engel der Gewässer sagen: „Gerecht
bist du, der da ist und der da war, du Heiliger, und unbeirrbar ist auch
dein Urteil: unbeirrbar! 6
Blut von Heiligen haben sie vergossen, und von Propheten; nun aber hast
du ihnen Blut zu trinken gegeben: So verdienen sie es.“ [Da capo:]
„Gerecht bist du, der da ist und der da war, du Heiliger, und unbeirrbar
ist auch dein Urteil: unbeirrbar!“
Charaktertenor: 7 Und ich hörte den Altar sprechen: „Ja, Herr, Gott, du Allherrscher, wahrhaft und gerecht sind deine Gerichte.“
8 Und der vierte ging hin, und goss seine Schale aus auf die Sonne: Da wurde ihr gegeben, die Menschheit mit Glut zu versengen.
Volkssänger: 9 Die Menschen aber/ Bereueten nichts,/ Und angesichts/ Ihrer Machthaber/ In Reichtum und Muße/ Höhnten sie Gottes Stärke/ Und taten nicht Buße/ Für ihre Werke.
Charaktertenor: 10 Und der fünfte ging hin, und goss seine Schale aus über den Thron des Tieres: Da wurde sein Reich verfinstert, und sie zerbissen sich die Zungen, die Zungen vor Pein.
Volkssänger: 9 Die Menschen aber/ Bereueten nichts,/ Und angesichts/ Ihrer Machthaber/ In Reichtum und Muße/ Höhnten sie Gottes Stärke/ Und taten nicht Buße/ Für ihre Werke.
Charaktertenor: 12 Und
der sechste ging hin, und goss seine Schale aus über den großen
Euphratstrom. Da vertrocknete dessen Wasser, damit der Weg gebahnt würde, der
Weg für die Könige vom Sonnenaufgang.
Altus: 13 Das Maul des
Drachen, das Maul des Tieres und das Maul des falschen Propheten: Da seh’
ich sie kommen, drei unreine Geister: 14 Mit ihren dämonischen Wundern
sammeln sie alle Mächtigen dieser Welt zum großen Tag der Entscheidung: und
sie quaken und quaken, wie Frösche: So sammeln sie zum Kampf
gegen die Allmacht Gottes. 15 Siehe: Siehe, ich komme, komme
aber so wie ein Dieb: plötzlich und unerwartet. Selig, selig allein,
wer da wach bleibt, wach und bereit: jederzeit griffbereit seine Kleidung: Nur,
dass er nicht nackt herumläuft in all seiner Schande. 16 Und er hat sie
versammelt an einen Ort, der da heißt [] Harmageddon. [Da capo:] und sie
quaken und quaken, wie Frösche: So sammeln sie zum Kampf
gegen die Allmacht Gottes. 15 Siehe: Siehe, ich komme, komme
aber so wie ein Dieb: plötzlich und unerwartet.
Charaktertenor: 17 Und
der siebte ging hin, und goss seine Schale aus in die Lüfte. Da kam die
mächtige Stimme aus dem Tempel und rief: „Es ist geschehen!“
18 Blitze und Stimmen im Donner: Ein Erdbeben, wie noch keines
entstanden ist, seit es Menschen gibt auf der Erde. 19 Die große Stadt zerbrach
in drei Teile, und die Städte der Welt sanken in Trümmer:
Altus: So gedachte Gott
schließlich auch der Stadt Babylon: Gereift war der Wein seines
Zornes und er reichte ihr grimmig den Becher: Denn auch ihre Sünden sind
unvergessen, unvergessen! Schonungslos, ohne Erbarmen spürte sie schließlich
Gottes Gericht.
Charaktertenor: 20 Die
Inseln versanken. Die Berge zerbarsten, stürzten in sich zusammen und
waren nicht mehr zu finden.
21 Und ein gewaltige Hagel, wie Zentner so schwer, geht vom Himmel auf die
Menschen hernieder.
Volkssänger: 9 Die Menschen aber/ Bereueten nichts,/ Und angesichts/ Ihrer Machthaber/ In Reichtum und Muße/ Höhnten sie Gottes Stärke/ Und taten nicht Buße/ Für ihre Werke.
[Ratsche] Nachwort
(Jesaja 10, 1-3 [Hoffnung für alle]):
Zelebrant: 1 Der Herr sagt:
Charaktertenor: (rezitierend) 2"Wehe denen, die Gesetze verabschieden [...]
Zelebrant: "und Verordnungen erlassen,...
Charaktertenor: (rezitierend) ...um andere zu unterdrücken!
2 Sie betrügen die Armen und Schwachen [...] um’s Recht.
Zelebrant: Kaltblütig
beuten sie Witwen und hilflose Waisen aus.
Charaktertenor (rezit.) 3 Doch was wollt ihr tun, wenn die Zeit gekommen ist, da ich euch bestrafe? [...]
Zelebrant: Zu wem wollt ihr dann fliehen? [...]
Charaktertenor (rezit.) Wo wollt ihr euer ganzes Vermögen in Sicherheit bringen?
[Ratsche]
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"Schubert am Abgrund"
2010 treten Vater und Sohn (Tenor/Horn) erstmals gemeinsam am Felsen an! Das erinnert etwas an die grandiosen Zeiten der Gründung der Naturfestspiele 1994 mit Hörnern am Gipfel und ist ton- und sicherungstechnisch ziemlich aufwändig. Auch eine gemeinsame kabarettistische Nummer ist geplant. Selbst eine Aufführung von Leopolds erster syntonischer Komposition für Horn und Elektronik -ein leises Stück, für das sein Horn eigens vom Instrumentenbauer modifiziert wurde- ist auf Wunsch denkbar!
Treffpunkt ist heuer erstmals direkt vor dem Anwesen "Knollehen" am Ende des "Mehlwegs" in Marktschellenberg. (Navi- Eingabe für den Parkplatz: "Mehlweg 17") Endpunkt der Veranstaltung: "Barmsteinweg 7 Marktschellenberg". Die Parkplätze sind überall äußerst rar, und dort sind die besseren Parkmöglichkeiten. Aufstieg von dort bis zum Ausgangspunkt etwa 20 Minuten. Es gibt auch noch ein bis zwei Parkplätze direkt an der Abzweigung Mehlweg- Barmsteinweg. Besonders Wanderfreudige können von Kaltenhausen oder der Dürrnbergstraße kommen: Eine äußerst lohnende Einstimmung! Näheres unter www.naturfestspiele.at Bei "Youtube" finden sich unter diesem Suchbegriff zahlreiche Originalvideos.
Diese Exklusiv- Veranstaltung mit dem inoffiziellen Debut unseres "Felsensängerknaben" wird derzeit nicht öffentlich beworben und findet übrigens genau in der Location des "Sound of Music"- Openings von 1965 (einer der größten Musikfilme dieses derzeit eher armseligen Planeten) statt. 1996 berichtete die Süddeutsche Zeitung vierspaltig über die Naturfestspiele, 1998 wurde die Gründungs- Veranstaltung als "größte Freiluftbühne der Welt" ins Guinness Buch d. R. eingetragen, 2005, zum Mozartjahr, hat der Chefmusikkritiker der New York Times vierspaltig berichtet, 2006 das größte Printmedium Chinas, 2008 MBC Korea- TV in der Primetime für 8 Mio Zuseher: An der Reserviertheit der anwohnenden bayerischen Bevölkerung in Bezug auf Kulturdarbietungen abseits der Jodeltechnik hat sich seit den Dreharbeiten für "Sound of Music" (in der DVD- Neuausgabe deutlich dokumentiert) seit 1964 freilich nichts Wesentliches geändert...
1. Station: Knollehen
Liebe Weggefährten!
Herzlich willkommen zu einem
musikalischen Grenzgang; zum Grenzgang auch entlang der Staatsgrenze.
Wer -wohlgemerkt bei
freiem Eintritt!- für ein Mega-Event mit Lasershow, nackerten Weibern und
eigener Trafostation für den Supersound gekommen wäre, den müssen wir um
Entschuldigung bitten, dass wir keine Euro- Million für die Werbung und die
passende Sattelschlepperkolonne auftreiben konnten. Es wäre für uns aber auch
sinnlos: Der Sänger ist so weit entfernt, dass man -selbst auf dem größten
Großbildschrim der Welt- von herunten nicht sagen könnte, ob der einsame Mann
da oben am Berggipfel tatsächlich live ins Mikrofon singt oder nicht;- mehr
noch: er ist so weit weg, dass man ohne Probleme sogar ein Double hinstellen könnte,
und Sie würden es herunten -selbst mit dem Fernglas- nicht merken!
Sie kommen wahrscheinlich für
eine Kammermusikdarbietung auf der -laut Guinness Buch der Rekorde- größten
Freiluftbühne der Welt: Auf dem linken der beiden
Berggipfel ist also ein roter Punkt zu sehen. Der glaubt, dass ein höheres
Wesen die Naturgesetze geschaffen hat. Sie sehen, wenn ein Typ echt "far
off the mainstream" ist, dann ist es der ausgeflippte Nostalgiker da
oben, angeseilt über dem Abgrund! Er ist genau 350m entfernt, und singt in ein
Betriebsfunkgerät. Also nicht nur unplugged, sondern völlig ohne jede
Mikrofonverstärkung! Das erste Stück ist ein sogenannter Funkkanon, nämlich
das "Kyrie" aus seiner Barmsteinmesse. Harmonisch als alte Musik
getarnt, ist es dennoch von einer auf der Welt bisher einzigartigen Idee
durchdrungen:
Sie hören nämlich den
Gesang zweimal: Sofort aus dem Funkgerät, und dann eine Sekunde später
nochmals, wie sich der Schall natürlich in der Landschaft ausbreitet. Diese
Sekunde braucht der Schall, um bei dieser Entfernung von 350m zum Zuhörer zu
gelangen. Der Sänger kann so, durch die Einbeziehung der ganzen Landschaft, mit
sich selbst zweistimmig singen: eine philosophische Angelegenheit.
Übrigens, für feine Ohren: Die merkwürdigen Tonhöhen sind beabsichtigt: es ist syntonische Musik.
*
* *
Station: In der Lichtung
"Schöne Welt, wo
bist du?" fragt der Dichter Friedrich Schiller im Lied Franz Schuberts. Zu
-"die Götter Griechenlands"- haben wir in Meyer's Konversations-
Lexikon von 1865 etwas Interessantes gefunden:
"Schönheit (von Scheinen) ist ihrem Wesen nach das
Hindurchscheinen der Idee durch den Stoff. Daher muß es die Kunst nie auf
Naturtäuschung, sondern nur auf künstlerische Illusion absehen: der Beschauer
muß wissen und auch nicht versucht werden, sich darüber zu täuschen, daß er
als Stoff etwas Todtes vor sich habe, das aber durch die künstlerische Idee
beseelt wird und ein höheres Leben erhält. Neben dem Ausdruck "nützliche
Künste", worunter man Fertigkeiten zu praktischen Zwecken versteht,
braucht man noch andere Ausdrücke, wie "brodlose Künste", womit das
Gegentheil der ebengenannten bezeichnet werden soll, und "freie Künste",
was im Grunde dasselbe ist... [...]
Das Schöne, das Wahre und das Gute sind drei in
der Form verschiedene Bezeichnungen des Vernünftigen: das Wahre ist das Vernünftige
des Gedankens (die Wissenschaft), das Gute ist das Vernünftige des Willens (die
Sittlichkeit), das Schöne ist das Vernünftige der Phantasie (die Kunst). So
steht also die Kunst zunächst der Wissenschaft und der Sittlichkeit gegenüber.
Was der denkende Mensch als Wahres erforscht, der sittliche als Gutes fühlt,
das schaut der künstlerische als Schönes in seiner Phantasie an."
(Soweit Meyer's neues
Konversations-Lexikon, Hildburghausen, 1865.)
Nachsatz des Sängers -Er ist
jetzt übrigens 237m entfernt:
"Inzwischen hat die Werbung
die Funktion der Kunst übernommen. Das Kapital mit seinen Werbeagenturen gibt
die Trends vor, in welche sowohl die herrschende Gesellschaftsschichte als auch
die breite Masse investieren. Die Werbung für ein gesellschaftliches Ereignis
-welches als Kunst verstanden wird- ist wichtiger, als dessen schöpferischer
Gehalt. Durch das Sponsorentum nämlich steht als wichtigste Aussage im
Hintergrund: Kauft bei meinem Sponsor, damit sich die Sache auch rechnet!
Riesige Summen werden für die Werbung ausgegeben, und wer als einzelner
Künstler nicht mithalten kann, verschwindet ganz einfach aus der
Öffentlichkeit. Selbst, wenn er kostenlos die größte Freiluftbühne der Welt
anzubieten hat."
"Wir sind die letzte
Generation, welche die Sprache von Tonhöhen -wenn auch nur ansatzweise- noch
verstehen kann, denn konsequent ersetzen Sound- Design und Videoclips die
akademischen Gesetze der Musiktheorie. Der kraftvolle Sound eines Staubsaugers
oder Sportwagens, das Krachen von zweifelhaften Kartoffelchips: das sind die
wirklichen Klangereignisse, welche die Gesellschaft interessieren. Das andere
verschwindet. Menschliche Rührung? Reinigung der Seele vermittels der Tonkunst?
Lächerlich! Die Sprache der ernsten Musik ist bald vergessen, wie das
Altgriechische. Der Mensch ist vom Konsum abhängig, seine Reaktionen sind somit
leicht kalkulierbar, wie die von anderen Süchtigen. Seiner Seele beraubt, hat
sich sein Antlitz vom Ebenbild Gottes gewandelt: Es ist zum Genschwein
geworden."
Franz Schubert
"Die Götter Griechenlands"
(nach Friedrich von
Schiller
Schöne
Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes
Blütenalter der Natur.
Ach
nur in dem Feenland der Lieder
Lebt
noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben
trauert das Gefilde
Keine
Gottheit zeigt sich meinem Blick.
Ach,
von jenem lebenswarmen Bilde
Blieb
der Schatten nur zurück.
*
* *
- "Agnus Dei" aus der "Kleinen Funkmesse"
Diese Livesendung aus dem Funkgerät ist jedesmal
abenteuerlich und -nicht nur akustisch- riskant. Der Felsensänger ist auf dem
etwa 1,5m breiten Gipfelgrat angeseilt: nach Bayern könnte er 100m tief stürzen,
nach Österreich 200m. Er schaltet nun das Funkgerät, -welches etwa 2 Meter von
ihm entfernt sein muss- durch eine improvisierte Vorrichtung auf Dauerbetrieb.
Erst dann, am Seil gesichert, und deshalb in den Bewegungen stark eingeschränkt,
kann er sich neu verkabeln. Auch die Noten und das schwere Sprachrohr müssen
mit Seil und Karabiner gesichert sein. Oft ist es windig, das Stehen ist dann
äußerst unangenehm. Es kann zum Singen eigentlich schon zu kalt sein,
-die erste Grenze zur Beeinträchtigung liegt schon bei +12 Grad-, kann aber
auch über 30 Grad Celsius haben und eine relative Luftfeuchtigkeit von 20%: Für
die bevorstehende stimmliche Extremleistung wären dies dann mörderische
Bedingungen. Er muss damit rechnen, dass ihm -völlig unvorhersehbar- plötzlich
schwarz vor Augen wird, einfach aufgrund der Anstrengung in der jeweiligen
Tagesverfassung. Es gibt aber auch noch andere Probleme, wie Blitzschlag -oder für
das Singen auch sehr unangenehm: Insektenflug usw.
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A N H A N G
Aus
Meyer's neues Konversations-Lexikon, Hildburghausen, 1865:
Kunst, von können, bedeutet, ganz allgemein gefaßt, die Fähigkeit,
etwas zu schaffen oder zu gestalten. [...] Hierher gehören alle auf körperlicher
Geschicklichkeit, mechanischer Übung und praktischer Erfahrung beruhenden Künste,
wie Gymnastik, Reitkunst; jedoch ist zu bemerken, daß in dieser Verbindung der
Ausdruck K. oft gemißbraucht wird, wie sich denn jeder Taschenspieler und Seiltänzer
einen Künstler nennt u. man auch von Kochkunst, Rechenkunst etc. spricht. [...]
Die Kunst im engsten und eigentlichsten Sinne hat es dagegen vornehmlich und
ausschließlich mit der schönen Form als Zweck zu thun, während die praktische
Brauchbarkeit ihres Produkts, wie z.B. der Baukunst, erst in zweiter Reihe in
Betracht kommt. Je höher daher ein Kunstgebiet steht, desto mehr entzieht es
sich der praktischen Verwendung [...]. In diesem höchsten und eigentlichsten
Sinne ist K. nur die für die sinnliche Wahrnehmung in die Erscheinung tretende
Darstellung des Schönen schlechthin; ihre Stellung im Organismus des Geistes,
sowie ihre Gliederung
zu einzelnen Künsten [...] beruht also auf der Begriffsbestimmung des
Schönen.
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Kontakt:
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